Hochtour: Überschreitung von Ortler, Zebru und Königsspitze
Südtirol, Ortlergruppe
Unterwegs mit: Lukas Waldner
Ich war ja schon einige Male in Sulden, aber als wir im Herbst des Vorjahres durch das wunderschöne Rosimtal vom Gipfel der Vertainspitze abstiegen, sah ich zum ersten mal das Dreigestirn von Ortler, Zebru und König in seiner vollen Ausprägung. So eine massive, für sich alleinstehende Kette sucht in den Ostalpen ihresgleichen. Schon damals träumte ich von einer Überschreitung aller drei Gipfel ...
Dreigestirn: Zur Linken die Köngisspitze, mittig der Zebru und rechts der Ortler
Als Lukas dann das Projekt für den Sommer 2020 vorschlug, war ich sofort dabei. Wir kannten bereits einige Teile der Tour: Den Hintergrat, den kurzen Suldengrat, die untere Hälfte des Hochjochgrates sowie den Abstieg von der Königsspitze hatten wir in vergangenen Saisonen bereits gemacht. Wir fühlten uns fit und suchten nach einer Herausforderung - daher planten wir die Tour an einem Tag von Sulden zu machen.
Nach super Abendessen und einer gemütlichen, aber kurzen Nacht bei Lukas´ Verwandtschaft in Meran, starteten wir um ~1 Uhr am Parkplatz los. Die Rucksäcke waren leicht, wir hatten ja bis auf Wasser, etwas Verpflegung sowie Gurt, Radline und einer Jacke kaum was dabei. Der Flow war dann unglaublich gut, als wir flott über den Hintergrat hinauf stiegen. Am Gipfel angekommen war die Sonnen noch nicht aufgegangen. So eine Passage in der Nacht zu gehen hat schon einige Vorteile wenn man den Weg bereits kennt - wir mussten keine Hitze ertragen, hatten keine anderen Seilschaften und damit auch keinen Steinschlag vor uns. Außerdem spielt der Faktor Zeit eine Rolle. Unsere Zeitreserve war damit um ein vielfaches höher, zudem vergeht der Weg wie in Trance, wenn man durch die Dunkelheit dem Ziel entgegen geht.
Am Gipfel des Ortlers - Nachts zwar keine Aussicht, aber ein tolles Gefühl
Nun sollte die erste Schlüsselpassage der Tour folgen: Der Abstieg des Hochjochgrates. Dieser mag vielleicht nicht besonders lang sein, allerdings ist er berüchtigt für seine Brüchigkeit. Außerdem ist er schwieriger zu erreichen als andere Routen auf den Ortler - wahrscheinlich wird er deshalb deutlich seltener als der Hintergrat begangen. Als wir den Hochjochgrat betreten, streifen bereits die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont; die Stimmung ist wirklich unglaublich schön. 2 Stunden schlaf, irgend ein Müsli mitten in der Nacht runterwürgen, und das Wissen, dass uns noch ein anstrengender, langer Tag und vermutlich einige Strapazen bevorstehen - alle jene Unbequemlichkeiten vergessen wir in diesem Moment.
Viel zu selten halten wir auf unseren Bergtouren kurz inne, um den Augenblick zu fühlen. Das Privileg, in so einer gewaltigen Szenerie unterwegs sein zu können, zu dürfen und zu wollen. Das schätzen wir zwar, sind uns ihm aber viel zu selten bewusst. Viel zu oft nehmen wir es doch als Selbstverständlichkeit und Routine war, vor allem wenn wir uns schnell durch die Berge bewegen.
Wir hatten ja mit diversen Abseilstellen, größer werdenden Kletterschwierigkeiten gerechnet. Wir kamen allerdings ganz ohne Abseilen, oft leicht links unterhalb des Grates im totalen Bruch runter. Der Kalk hier im Ortlergebiet ist oft leicht schräg, geschichtet wie Schieferplatten - mit besonders vielen Trennflächen. Beim Klettern mussten wir uns schon konzentrieren - allerdings sind Lukas und ich gewisses leichtes, alpines (und damit meist brüchiges) Gelände gewöhnt. Wir stiegen flüssig dem Hochjoch entgegen, auf welchem ein wunderschön platziertes Biwak steht. Hier gönnten wir uns eine etwas länger Pause, da wir deutlich vor unserem Zeitplan lagen (1:15h vom Ortler zum Hochjochbiwak).
Wir gönnen uns Brote, Riegel & Wasser, was man am Berg halt so dabei hat - wir fühlen uns noch sehr fit. Auf den Zebru rauf ist`s eigentlich kaum der Rede wert, nach einer kurzen Gletscherquerung gehen wir zumeist über einfaches, ausgeapertes Schottergelände dahin. Vom Zebru abwärts Richtung Suldenjoch wussten wir allerdings kaum etwas. Diese Passage wird sehr selten gemacht, sie war auch mit Abstand das größte Fragezeichen hinter der Unternehmung. Doch auch sie stellte sich grundsätzlich als gutmütig herau, denn das Gestein war besser als am Hochjochgrat und die Kletterschwierigkeiten gehen nie über 3 hinaus. Kurz vor dem Suldenjoch heißt es allerdings nochmal einen furchtbar brüchigen Gratturm, gefolgt von einer ~10m Abseilstelle zu umgehen, was wir über die rechte Seite getan haben.
Leichtes Gelände am Zebru
Im Suldenjoch legen wir eine kurze Pause ein, gehen aber gleich weiter. Unsere Motivation für die Königsspitze übersteigt die nun mittlerweile einsetzende Müdigkeit. Vergleicht man die Kletterei bezüglich Homogenität, Gesteinsfestigkeit und Schwierigkeit auf dem kurzen Suldengrat mit dem Rest der Tour, treffen wir hier auf die angenehmste Passage. Dem Gipfel entgegen zu schreiten ist trotz müder Beine ein wahrer Genuss.








Kommentare
Kommentar veröffentlichen